
Integralbremssystem
Das (bei Guzzi und BMW) als Integralbremse sowie (bei Honda) als CBS (Combined Brake System) bezeichnete Verbundbremssystem ist eine fortschrittliche Bremstechnologie, die in verschiedenen Motorradmodellen eingesetzt wird.
Hauptziel ist, Bremsleistung und Sicherheit während des Bremsvorgangs zu verbessern, indem die Bremskraft (elektronisch oder mechanisch-hydraulisch geregelt) innerhalb eines gemeinsamen Bremskreislaufs auf Vorder- und Hinterradbremse verteilt wird. Dies nimmt einen Teil der Bremswirkung vom Hinterrad, ohne insgesamt an Bremskraft zu verlieren, und greift einer Blockierung vor.
Funktion
Ein Integralbremssystem verbindet die Bremsen des Vorder- und Hinterrads miteinander, so dass das Betätigen der Vorderbremse eine gleichzeitige Bremskraft auf das Hinterrad ausübt und umgekehrt. Betätigt der Fahrer beispielsweise die Vorderbremse, wird neben der Vorderradbremse auch die Hinterradbremse aktiviert. Dies geschieht durch eine mechanische oder elektronische Verbindung zwischen den Bremskreisen.
Hinweis: Eine Integralbremse sorgt für ein leicht verändertes Fahrgefühl, da sie das Eintauchen der Gabel, die so genannte Nickbewegung (Anti-Dive), reduziert.
Wichtig: Der Bremsflüssigkeitswechsel ist bei Integralsystemen (besonders bei älteren BMW-Modellen mit Bremskraftverstärkern) oft spürbar komplexer als bei herkömmlichen Bremsanlagen. Das BMW Integral ABS der ersten Generation (FTE-System mit Bremskraftverstärker) ist schlichtweg berüchtigt (wenn die Pumpe im Stand summt wie ein wütender Hornissenschwarm, hast du eins).
Beim BKV-System ist der Bremsflüssigkeitswechsel im Prinzip nur von einer Profi-Werkstatt ausführbar: Du hast bis zu 6 Entlüfternippel allein am Modulator und musst Rad- sowie Steuerkreise getrennt spülen. Ohne Unterdruckgerät oder exakte Kenntnis der Reihenfolge riskierst du Luft im System, die beim Regelvorgang zum Totalausfall führen kann. Und ja, das ist der blanke Horror für jeden Selbstschrauber.
System-Unterscheidung
Unterscheide zwischen
- Vollintegral: Hebel oder Pedal betätigen beide Räder.
- Teilintegral: Handhebel wirkt auf beide Räder, das Fußpedal nur auf das hintere. (BMW wechselte nach dem Desaster der ersten Generationen oft auf Teilintegral, um dem Fahrer mehr Kontrolle beim langsamen Manövrieren zu lassen.)
Unterscheide ferner zwischen:
Vorteile von Integralbremsen
Verbesserte Bremsstabilität: Durch die gleichzeitige Bremsung von Vorder- und Hinterrad wird das Fahrzeug während des Bremsvorgangs besser stabilisiert, wodurch ein blockierendes Vorderrad oder ein Aufsteigen des Hinterrads in kritischen Situationen vermieden wird. (Wenig überraschend bilden Integralbremsen deshalb auch oft die Basis für moderne Kurven-ABS, siehe hierzu auch ‘ Motorrad-Fahrassistenten‘:)
Kürzere Bremswege: Da beide Bremsen synchron betätigt werden, wird die Bremskraft effektiver auf beide Räder verteilt, was zu kürzeren Bremswegen führt. Dies ist besonders wichtig in Notbremsungen oder bei plötzlich auftretenden Gefahren.
Vereinfachung der Fahrzeugbeherrschung: Integralbremsen ermöglichen die Fokussierung auf eine einzige Bremse, da sie automatisch die Bremskraft auf beide Räder verteilen. Dies reduziert die Anforderungen an den/die FahrerIn, die Bremskraft präzise auszubalancieren. Damit einher geht eine erhöhte Sicherheit für weniger erfahrene Fahrer, da das Risiko von Bedienfehlern oder Fehleinschätzungen der Bremskraft minimiert wird.
Gleichmäßigere Lastverteilung: Die gleichzeitige Bremsung von Vorder- und Hinterrad sorgt für eine gleichmäßigere Lastverteilung während des Bremsvorgangs, was die Fahrzeugdynamik und die Fahrstabilität verbessert.
Anpassung an verschiedene Fahrsituationen: Integralbremsen passen sich im Verbund mit ABS-Systemen automatisch verschiedenen Fahrsituationen an, wie z. B. Bremsen in Kurven oder auf rutschigen Untergründen, und optimieren die Bremskraftverteilung entsprechend.
Nett zu wissen
Scherkräft & Reifenverschleiß
Eine Integralbremse verteilt die Last. Vorteil: Weniger Nickbewegung der Gabel (Anti-Dive Effekt). Nachteil: Wer nur den Handhebel nutzt, merkt oft nicht, dass die hinteren Beläge bereits auf Eisen gehen, weil das System hinten unbemerkt mitschleift.
IMU-Kopplung
Moderne Systeme nutzen die IMU (Inertial Measurement Unit), um die Bremskraftverteilung schräglagenabhängig zu steuern. In Kurven wird der Bremsdruck hinten erhöht, um das Aufstellmoment zu minimieren.
Tipp
Prüf beim Kauf einer Gebrauchten mit Integral-ABS unbedingt die Wartungshistorie. Wenn die Bremsflüssigkeit im Modulator altert, korrodieren die feinen Ventile – und ein neuer Modulator kostet oft mehr als das halbe Bike wert ist.
FAQ
Bei einfachen mechanischen Systemen (CBS) je nach Können im Prinzip ja. Bei elektronischen Systemen mit Bremskraftverstärker (z.B. BMW bis ca. 2006) ist Vorsicht geboten: Hier müssen Steuer- und Radkreise in einer exakten Sequenz entlüftet werden. Tipp: Lass’ die Finger davon.
Das ist das Wesen der Integralbremse. Sobald du den Handhebel ziehst, legt das System auch hinten die Beläge an. Viele Fahrer unterschätzen das und wundern sich über eine glühende Scheibe hinten.
Je nach Modell kann das System in eine ‘Restbremsfunktion’ verfallen, ähnlich wie beim Auto, wenn der Bremskraftverstärker ausfällt. Dann musst mit deutlich(!) mehr Handkraft zupacken und die Bremswirkung ist massiv reduziert. Ein rotes Blinken im Cockpit ist kein Vorschlag, sondern ein Befehl zum Anhalten.




