
Leistung und Drehmoment sind zentrale Begriffe, wenn es darum geht, einen Motorradmotor zu charakterisieren – wobei es stammtischmäßig meist immer darum geht, was denn nun wichtiger ist: Leistung oder Drehmoment? Und meist ist denn auch einer nicht weit, der richtig gut klug scheißen kann: “Leistung = Drehmoment x Drehzahl.” Ohne Drehmoment keine Leistung, aber ohne Drehzahl passiert auch nichts.
Definition 1 (bildhaft)
Drehmoment ist das, was du machst, wenn du im Gym deinen Bizeps trainierst (also die Kraft), Leistung ist, wenn du danach schnell nach Hause rennst, weil du wieder zu spät für alles andere bist (also die Ausdauer/Schnelligkeit oder Arbeit pro Zeit).
Oder: Das Drehmoment ist deine reine Kraft in den Beinen, wenn du eine schwere Kiste die Treppe hochträgst. Hast du viel davon, weil du zu oft im Gym warst, schaffst du es auch aus dem tiefsten Stand heraus auf die erste Stufe. Beim Motorrad ist dies der ‘Wumms’ von unten heraus, den du beim Anfahren spürst.
Die Leistung wiederum bestimmt, wie oft du deine Beine pro Minute die einzelnen Stufen heraus befördern kannst. Je mehr du in eine Zeiteinheit packen kannst, desto schneller ist die Kiste oben
Definition 2 (physikalisch)
Vom physikalischen Standpunkt aus gesehen, ist die Leistung (PS/kW) die Energie, die der Motor maximal bei Erreichen einer bestimmten Drehzahl bereitstellt, meist einer sehr hohen.
Das Drehmoment auf der anderen Seite ist die Bezeichnung für die Kraft, die durch die Kolbenbewegung auf die Antriebswelle einwirkt. Diese ist zwar ebenfalls abhängig von der Motordrehzahl, der Unterschied zur Leistung liegt aber darin, dass sie ihr Maximum in der Regel bereits bei deutlich geringeren Drehzahlen erreicht.
Das heißt, was wirklich schiebt, ist letztendlich die Radzugkraft, denn das Drehmoment an der Kurbelwelle bleibt im Fahralltag letztlich Theorie. Entscheidend ist, wie so oft im Leben, was hinten rauskommt, also was nach der Primärübersetzung, dem Getriebe und der Sekundärübersetzung am Hinterrad ankommt. Das Getriebe wirkt hier wie ein Drehmomentwandler. Ein kurzer erster Gang macht bspw. aus wenig Motordrehmoment massiven Schub am Rad.
In der Praxis heißt das …?
…. bspw., dass man bei der Beurteilung eines Motors weniger auf dessen Spitzenwert schauen sollte und mehr auf den Verlauf, will man etwas über seinen Charakter erfahren. Ein Motor, der sein maximales Drehmoment über 4.000 Touren hält, lässt sich schaltfaul und entspannt fahren, während ein kurzhubiger Vierzylinder, der erst bei 10.000 Touren wach wird, für den Fahrer Arbeit bedeuten kann.

Wenn du dir eine Leistungskurve ansiehst, achte auf ‘Dellen’. Eine Delle im Drehmomentverlauf (oft bedingt durch Abgasnormen oder Resonanzen im Auspuff) ist das, was du beim Fahren als ‘Loch’ wahrnimmst. Ein guter Tuner bügelt nicht die Spitze nach oben, sondern füllt die Delle auf.
Übrigöns: Wenn du dein Kettenrad hinten um zwei Zähne vergrößerst, änderst du nichts am Motor, aber du erhöhst das Drehmoment am Hinterrad. Das Bike geht vorne leichter hoch und beschleunigt spritziger, verliert aber an Endgeschwindigkeit. Das nur so als Tuningtipp für Arme, ganz ohne Leistungsstand.

Und was ist nun wichtiger?
Die Antwort darauf, ob nun die Leistung oder das Drehmoment der wichtigere Wert ist, lässt sich pauschal nicht so recht beantworten, bzw. nur dann, wenn man einkalkuliert, wo der individuelle Fahrspaß angesiedelt wird: Ein kräftiges Drehmoment bei niedriger Drehzahl, wie es typischerweise bei Ein- und Zweizylindermaschinen mit hohen Hubräumen pro Zylinder entsteht, empfindet der Fahrer im Gegensatz zur Leistung als spürbaren Anzug ‘aus dem Keller’. So etwas ist ideal für entspanntes Cruisen, Überholen ohne Runterschalten und souveränes Fahren zu zweit. (Typisch: V2-Cruiser, große Einzylinder, Elektro-Bikes).
Wenn du im hohen Gang aus der Ortschaft rausbeschleunigst und das Bike dich kräftig nach vorne schiebt, ohne dass du runterschalten musst – das ist das Drehmoment. Es ist die reine Kraft, die der Kolben auf die Kurbelwelle stemmt.
Demgegenüber kommen auf maximale Leistung getrimmte Mehrzylinder-Motorräder mit niedrigeren Hubräumen pro Zylinder (bei sonst gleicher Gesamt-Hubraumzahl) gesitteter zur Sache und drehen bei höheren (und hohen) Drehzahlen (noch einmal) ordentlich auf. So etwas ist perfekt für die Rennstrecke und Sound-Gläubigen, die erst aufleben, wenn der Motor jenseits von 10.000 Touren richtig wach wird. (Typisch: Reihen-Vierzylinder Supersportler).
Wenn du auf der Autobahn den Hahn offen lässt und der Zeiger immer weiter nach rechts wandert – das ist die Leistung. Sie bestimmt, wie schnell du am Ende bist und wie gierig der Motor obenraus dreht.
Bei den Drehmoment-optimierten Bikes resultiert der Fahrspaß folglich aus dem spontanen Antritt aus dem unteren und mittleren Drehzahlbereich (schnelle Beschleunigung), bei den Leistungszentrierten beim sportlichen Aufdrehen bis zum oder kurz vorm Drehzahlbegrenzer (hohe Geschwindigkeiten). Wobei: Es sind auch weniger extreme Ausprägungen möglich, denn je nach Motorbauart kann dieselbe Leistung aus verschiedenen Kombinationen von Drehmoment und Leistung resultieren.
Nichtsdestotrotz: Wer sein Bike oft und gerne für Kurzauftritte in der Stadt oder zum Kurvenräubern herausholt, wird deshalb eher zu einem Modell mit hohem Drehmoment neigen, wer langgezogene Landstraßen oder Autobahnen liebt, zu einem Motorrad mit hohen Leistungswerten. (Elektro-Motorräder gehören übrigens in aller Regel zur ersten Kategorie. Ihre Motoren rufen aufgrund ihrer Bauweise bereits aus dem Stand heraus das maximale Drehmoment ab.)

Tipp für den Motorradkauf
Schau nicht nur auf die Maximalwerte. Marketing-Abteilungen lieben fettgeschriebene PS-Zahlen, also die Leistungswerte. In der Realität fährst du hingegen zu 90 % im mittleren Drehzahlbereich. Bist du nicht gerade ein Racing-Junkie, der für die 10 % lebt, kann ein Motorrad mit ‘nur’ 80 PS, das sein maximales Drehmoment schon bei 4.000 Touren abliefert, zumindest auf der Landstraße deutlich mehr Spaß machen als eine 150-PS-Keule, die erst in den roten Bereich geprügelt werden muss, damit was passiert. Guter Ratschlag: Teste immer den Durchzug im 4. oder 5. Gang bei mittlerem Tempo – das verrät dir mehr über den Charakter eines Motorrads als jedes Datenblatt.
FAQ
Weil er nicht hoch dreht. Da Leistung das Produkt aus Drehmoment und Drehzahl ist, fehlt dem Diesel die zweite Komponente für hohe PS-Zahlen. Er zieht wie ein Ochse, aber ihm geht schnell die Puste aus.
Oft sind das Maßnahmen wie längere Ansaugwege oder andere Nockenwellen, die die Füllung im unteren Drehbereich verbessern. Du verlierst meist Spitzenleistung, gewinnst aber Souveränität beim Überholen ohne Runterschalten.
Man hört oft, dass Hubraum durch nichts zu ersetzen sei. Das stimmt für das Drehmoment tatsächlich fast immer. Ein 1200er V2 wird sich untenrum immer kräftiger anfühlen als eine 600er Rennmaschine, selbst wenn beide am Ende 100 PS haben. Wenn du entspannt surfen willst, kauf Hubraum (Drehmoment). Wenn du den Kick beim Ausquetschen der Gänge suchst, kauf Drehzahl (Leistung).
Ja, Drehmoment und Leistung sind physikalisch gekoppelt. Die Formel lautet: Leistung (kW) = Drehmoment (Nm) × Drehzahl (U/min) / 9550. Da die Leistung direkt von der Drehzahl abhängt, steigt sie bei gleichbleibendem Drehmoment mit zunehmender Drehzahl an.
Das Drehmoment (Nm) spürst du als ‘Punch’ oder Beschleunigung direkt beim Gasgeben aus niedrigen Drehzahlen. Die Leistung (PS) merkst du vor allem bei hohen Geschwindigkeiten und beim Ausdrehen der Gänge – sie bestimmt, wie schnell das Motorrad maximal fahren kann.
Im Gegensatz zum Verbrennungsmotor, der erst Druck aufbauen muss, liegt bei einem Elektromotor das volle Drehmoment ab der ersten Umdrehung (Drehzahl Null) an. Das sorgt für die extrem katapultartige Beschleunigung aus dem Stand. Das Elektro-Bike drückt dich sofort in den Sitz, ohne Anlaufzeit.

