
Wer heute noch kickt, der meint es ernst
Cool, aber nicht immer ohne Risiko: das Starten eines Motorrads via Kickstarter, einem indirekt auf Kurbel-oder Vorlegewelle wirkenden Hebel. Der Tritt sorgt für das notwendige Anlaufdrehmoment, benötigt seinerseits aber etwas Übung und zumindest bei groß-volumigen Motoren Schmackes und wenig Zurückhaltung – sowie bei Zweitaktern obendrein äußerste Vorsicht, da sie zum Zurückschlagen neigen (sie laufen in die entgegengesetzte Richtung an). Die Folgen reichen von Prellungen bis hin zum Knochenbruch.
Funktion: Der Kickstarter ist mit einer Nocke am Motor verbunden, die die Funktion eines Anlassers übernimmt. Wenn der Fahrer den Hebel betätigt, wird die Nocke in Bewegung gesetzt und komprimiert die Luft-Kraftstoff-Mischung im Zylinder. Sobald die Kompression ausreicht, wird ein Zündfunke ausgelöst, der den Verbrennungsvorgang im Motor in Gang setzt. Die kinetische Energie, die durch das Treten erzeugt wird, überträgt die notwendige Energie auf den Motor, um ihn zum Laufen zu bringen.
Wenn auch veraltet, bieten Kickstarter neben Charme und nostalgischer Note den einen oder anderen praktischen Vorteil:
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Die Kunst des Kickens: Die OT-Suche
Ein Motorrad tritt man nicht einfach so zum Laufen. Im Gegenteil, es gibt eine Reihenfolge: Zunächst begibt man sich mit Fuß und Hebel auf die Suche nach dem Oberen Totpunkt (OT), indem man den Kickstarter langsam nach unten tritt. Spürt man den Widerstand, lässt man den Hebel wieder ganz hochkommen und gibt dann den gezielten, kraftvollen Stoß. Bei großen Einzylindern (SR500, XR600) ist das ohne Deko-Hebel eine Mutprobe für die Wadenknochen.
Die Dekompression
Einen großen Einzylinder gegen den Widerstand von 600 ccm zu besiegen, verlangt dir alles ab, mit Pech das Knie oder das Schienbein – weshalb es Hilfssysteme gibt:
- Manueller Deko-Hebel: Der Klassiker an alten Enduros oder der SR500. Über einen kleinen Hebel am Lenker und einen Seilzug wird meist das Auslassventil einen Millimeter aufgedrückt.
- Autodeko-System: Viele moderne oder technisch aufwendigere Motoren (z.B. Honda XR oder KTM LC4) haben eine Fliehkraftmechanik direkt auf der Nockenwelle. Bei extrem niedrigen Drehzahlen (eben beim Kicken) hebt ein kleiner Nocken das Ventil leicht an. Sobald der Motor anspringt und die Drehzahl steigt, flieht das Gewicht nach außen und der Mechanismus deaktiviert sich.
Hinweis: Wenn dein Autodeko-System klappert, liegt das oft an einer lahmen Feder im Mechanismus. Klingt wie ein Lagerschaden, ist aber nur ein Cent-Artikel auf der Nockenwelle.
Nett zu wissen
Unterschied Primär- & Sekundär-Kickstarter
- Primär: Du kannst das Ding in jedem Gang mit gezogener Kupplung antreten (praktisch im Gelände).
- Sekundär: Du musst in den Leerlauf, sonst trittst du ins Leere oder das Bike macht einen Satz nach vorne.
Die Sperrklinke
Wenn es beim Treten hässlich rattert oder der Hebel nicht zurückkommt, ist oft die Feder der Sperrklinke (der (Ratschenmechanismus) gebrochen oder die Verzahnung rund.
Tipp: Niemals den Kickstarter während der Fahrt ‘mitlaufen’ lassen. Das killt die Mitnehmer. Schnell.
Durchgerutscht?
Wenn der Kickstarter durchrutscht, sind es oft nicht die Zähne, sondern bei Motoren mit Ölbadkupplung das falsche Öl (Kupplungsrutschen überträgt sich auf den Kickweg).
Ein Kickstarter ist ehrlich, aber er kann dich auch hassen. Oder du ihn, je nachdem. Wenn dein Bein brennt bspw. und der Motor immer noch schweigt – und du nie weißt, ob der Fehler nun im Detail der Mechanik liegt oder deiner Starttechnik.
Rechts oder links?
Bei den meisten Motorrädern mit Kickstarter befindet sich dieser auf der rechten Seite des Motorrads. Zum einen sitzen links üblicherweise Schalthebel und andere Bedienelemente, zum anderen erfolgt für viele die Bedienung mit dem rechten Fuß leichter (während der linke z. B. zum Stabilisieren am Boden bleiben kann). Ausnahmen bilden nur einige ältere Modelle, bspw. von Triumph Motorcycles oder BSA, die den Kickstarter auch links hatten.
Werkstatt-Check
Wenn du an die Mechanik des Kickstarters gehst, achte bei der Gelegenheit auf diese drei Punkte:
- Anschlagblech: Das Blech, das den Kickstarter-Weg begrenzt, bricht gerne mal ein oder biegt sich auf. Wenn der Hebel zu weit nach unten ‘durchfällt’, riskierst du Risse im Motorgehäuse.
- O-Ring/Wellendichtring: Die Welle, die aus dem Motor kommt, ist eine klassische Leckstelle. Tausche den Simmerring präventiv.
- Verzahnung: Kontrolliere die feine Verzahnung an der Welle und am Hebel. Wenn die Schraube am Hebel einmal locker war, ‘frisst’ der harte Stahl der Welle das weiche Material des Hebels. Einmal rundgedreht, hilft oft nur noch die Schweißnaht (Pfusch!) oder eine teure Motoröffnung.
FAQ
Das ‘Zurückschlagen’ passiert, wenn das Gemisch zu früh zündet oder du den Kick nicht konsequent durchziehst. Das schlägt direkt auf das Gelenk. Ein korrekt eingestellter Zündzeitpunkt und festes Schuhwerk sind deshalb eine gute Lebensversicherung für dein Schienbein.
Bei vielen älteren Motoren (z.B. Suzuki DR 650 oder alten Hondas) sind die Bohrungen im Gehäuse oft noch vorhanden und nur mit einem Stopfen verschlossen. Allerdings benötigst du zum Nachrüsten den kompletten internen Mechanismus (Welle, Feder, Zahnräder) und nicht nur den Hebel.
Meistens ist die Rückholfeder ausgehakt oder gebrochen. Fahr so nicht weiter! Wenn die Feder bricht, können Metallteile ins Getriebe fallen.

