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Gegen unangenehme Überraschungen ist niemand gefeit. Zu keiner Zeit. Nirgends. Egal, wie gut oder schlecht vorbereitet eine Sache angegangen wird. Gegen voraussehbaren Ärger hingegen schon. Immer. Überall. Und umso besser, je sorgfältiger die Vorbereitungen ausfallen.

Der Unterschied? Biker, die nach einem gesunden ‚Ich bin dann mal weg‘ verfahren, leben ein leidenschaftliches Motorradleben, das durchaus gute Gefühle bereit hält wie Freiheit, Spontaneität und Abenteuerlust. Die Konsequenz ist, dass sie neben unangenehmen Überraschungen auch mit voraussehbarem Ärger rechnen müssen. Wer mit einem blanken Reifen auf große Motorrad-Urlaubstour geht, braucht sich nicht wundern, wenn er oder sie bei erster Gelegenheit aus dem Verkehr gewunken (oder genommen) wird.

Motorradtour

Die anderen, die wenig übrig haben für sich selbst erfüllende Prophezeiungen und ihre Bikes auch nicht per Zug oder Hänger zum Zielort bringen wollen, planen nicht nur Routen und Etappenziele, sondern bereiten ebenso sorgfältig ihr Motorrad auf den kommenden Dauereinsatz vor:

1. Ein, zwei Wochen vor der Motorrad-Urlaubstour: Verschleißteil-Sicherheitspuffer erweitern

1.1 Bremse

Hast du ein Ziel, weißt du ziemlich genau, wie viele Kilometer es bis dahin und wieder zurück sind und wie das Gelände aussieht, das durchfahren wird. Dies vor Augen und die Tatsache, dass viele Kurven auch viel öfter bremsen bedeutet, bewegt erfahrene Piloten dazu, ihrem Bike frische Beläge zu spendieren, auch wenn die Verschleißgrenzwerte noch nicht erreicht sind. 1.000 Kilometer mit vollem Gepäck können die bislang noch sauber werkelnden Bremsbeläge locker in den Abgrund reißen. Über den Daumen gepeilt, sollte man alle Beläge mit weniger als 3 Millimeter austauschen, wenn besagte 1.000 Kilometer anstehen. Bei kurvigem Gelände, im Gebirge und bei nervöser Fahrweise stehen sogar weniger als 4 mm zur Debatte.

Eine sorgfältige Inspektion steht auch für den Zustand der Bremsflüssigkeit und der Bremsscheiben ins Haus. Zu alte Flüssigkeit birgt wegen des erhöhten Wasseranteils das Risiko des Fadings (Bremsversagen), ganz besonders bei Passabfahrten, und in die Jahre gekommene, ausgedünnte Scheiben machen die Sache auch nicht besser. Checke beide Komponenten sorgfältig, die Bremsscheibe mit einer Mikrometerschraube in der Mitte der Bremsfläche und die Flüssigkeit mit einem Teststift. Getauscht wird hier ebenso selbst dann, wenn die Grenzwerte noch nicht erreicht sind. Wie gesagt, die Tour kann lang werden und passende Ersatzteile in der Pampa aufzutreiben, wird schwierig sein.

Bremsbelag
Hinweis: Die Querrillen können als Verschleißanzeige dienen, müssen aber nicht. Besser mit Messschieber nachmessen.
1.2 Reifen

Dauereinsatz, Dauerabrieb, Dauer-Temperaturerhöhung innen wie außen, fette Zuladung und – je nach Strecke – ungewohnte Belastungen durch vermehrte Kurvenfahrten, rauem Straßenbelag sowie häufige Brems- und Beschleunigungsmanöver setzen die Bereifung unter Dauerstress. Stark genug, dass man meint, man könne ihnen dabei zuschauen. Überprüfe deshalb die aktuelle Profiltiefe eingehend, aber nicht nur mit dem Fingernagel. Verwende einen Messschieber oder ein Profilmessgerät und inspiziere die gesamte Lauffläche. Untersuche die Pelle ebenso auf eingedrungene Fremdkörper wie Schrauben, Nägel, Steine etc. sowie Alterungszeichen, Profilausbrüche und sichtbare Schäden.

Reifen
Kleinere Steine sind kein Problem, bei Nägeln, Schrauben oder generell Fremdkörper, die tief hineinreichen, kann ein neuer Reifen fällig werden. Vom Fachmann checken lassen …

Denke daran, dass 1.000 Kilometer auf den Straßen deiner Bereifung unterschiedlich viel abverlangen, je nachdem, auf welcher Art Fahrbahn du dich bewegst. So kann eine Autobahnfahrt mit sinnlichen 130 km/h im Schnitt um die 0,7 Millimeter Gummi kosten, bei 180 Sachen sogar fast das Doppelte, während Landstraßen nur zwischen 0,5 bis 0,8 mm einfordern (bei kurvenreicher Streckenführung bis zu 1,2 mm). Spitzenreiter sind Bergstrecken mit rauem Straßenbelag, bei denen bis zu 2,5 mm Profiltiefe pro 1.000 Kilometer im wahrsten Sinn des Wortes auf der Strecke bleiben können.

Gehe ferner davon aus, dass du im Urlaub nicht nur schönes Wetter haben wirst, und gönne dir daraufhin selbst dann neue Reifen, wenn sich die alten noch oberhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestprofiltiefe von 1,6 mm befinden und auch sonst ein gutes Bild abgeben. Ein Restprofil von 2 bis 3 mm nutzt sich überraschend schnell ab und du könntest schon vor dem Ziel blank gezogen haben.

Gut beraten bist du mit neuen Reifen, die nur für den Urlaub aufgezogen werden. Die alten Puschen lassen sich später wieder zurück montieren und in Ruhe aufbrauchen. Fahre nur die neuen noch vor Urlaubsbeginn ein, weil sie rund 300 Kilometer benötigen, bevor sie ihre Arbeit sicher verrichten.

Tipp: Schleppe ein Luftdruckprüfgerät mit in den Urlaub und checke regelmäßig den Luftdruck bei kaltem Reifen. Die Geräte an der Tanke sind relativ unzuverlässig und meist läuft man sie an, wenn man bereits etliche Kilometer hinter sich hat und die Reifen warm sind.

1.3 Antrieb

Inspiziere den Sekundärantrieb vor Urlaubsbeginn, also Kardanwelle (Ölstand, Dichtigkeit), Zahnriemen (Zustand) oder Kette (Zustand). Bei Letzteren gilt, einen eventuell notwendigen Austausch vorzuziehen, wobei die Kette obendrein die gleiche Eigenschaft wie mancher Reifen aufweist und zum Ende ihrer Laufzeit hin rasant schneller verschleißt als in der ganzen Saison vorher. Kannst du die Kette bei korrekt eingestelltem Durchhang hinten mehr als ein bis zwei Millimeter vom Kettenrad abheben, ist ein neuer Antriebssatz mit Kette, Ritzel und Kettenrad fällig. Drei Millimeter wäre der reguläre Maximalwert, der sowieso einen Austausch nahelegt, zwei Millimeter vor Urlaubsantritt toleriert der eine oder andere Biker zähneknirschend, ein Millimeter wäre aber besser (abhängig von der vermuteten Urlaubs-Kilometerleistung natürlich).

Antriebskette

Und damit es niemand vergisst: Schmiere deine Kette am Abend, bevor du losfährst, am besten im warmen Zustand, und füge deinem Gepäck eine kleine Dose Kettenspray hinzu. Du wirst sie brauchen.

1.4 Schmierung & Lager

Ganz gleich, wo du hinfährst und wie lange du unterwegs sein wirst. Es gibt ein Gesetz, das besagt, dass einige Tage davon Regentage sein werden. Hast du ein wenig Zeit über und möchtest du außer Kettenspray auch nichts weiter für den Notfall einsacken, schmiere die Bowdenzüge und alle anderen beweglichen Teile, die sonst nur zur Winterpause oder zum Frühling hin mit Fett oder Öl verwöhnt werden.

Im Prinzip kannst du bei der Gelegenheit auch die Lager überprüfen und – sofern möglich oder überhaupt notwendig – nachschmieren. Und anhand der bereits gefahrenen Kilometer lässt sich einigermaßen verlässlich einschätzen, ob ein Lagerwechsel zu diesem Zeitpunkt möglicherweise ebenfalls Sinn ergibt. Zur Sicherheit überprüfe die Lenk-, Schwingen- und Radlager auf erste Verschleißanzeichen wie Spiel oder fehlende Freigängigkeit.

1.5 Elektrik & Werkzeug

Checke die Elektrik und packe ein paar Sicherungen und Leuchtkörper deinem Bordwerkzeug hinzu. Um Letzteres möglichst leicht zu halten, entscheide dich für die wesentlichsten Dinge. Hältst du dich in zivilisierten Gegenden mit ausgebauter Infrastruktur auf und bist mit Schutzbrief und Schadensschutz gut versichert, benötigst du vielleicht nur ein paar Inbus. Kennst du obendrein dein Bike gut, lasse Dinge zuhause, die du auch sonst nicht benutzt. Hast du beispielsweise niemals Ärger mit der Elektrik, verzichte auf entsprechendes Werkzeug. Umgekehrt: Kennst du die Macken, für die dein Motorrad bekannt ist, richte das Mitnehm-Werkzeug daraus aus.

2. Ein paar Tage vor der Motorrad-Urlaubstour: Fahrbereitschaft sicher stellen

2.1 Flüssigkeiten

Wie sieht es aus mit Kühlmittel- und Motorölstand? Muss nachgefüllt bzw. beim Öl auch der regelmäßige Wechsel vorgeschoben werden, um nicht als Gestalt gewordener Wartungsstau zurückzukehren? Dann in Angriff nehmen.

Sind die Bremsen in Ordnung? Checke selbst dann, wenn ein paar Wochen vorher eine Überholung vorgenommen wurde.

Tank voll? Kann ärgerlich sein, wenn man der Einzige der Truppe ist, der bereits nach zehn Kilometer die Tanke anlaufen muss …

2.2 Federung

Ist die Vorspannung am Federbein sowie die Dämpfung vorne an der Gabel und hinten am Federbein angepasst (sofern möglich)? Das Gepäck und ein eventueller Mitfahrer drücken nicht nur das Bike an sich, sondern insbesondere das Heck herunter und verändern so die gewohnte Lenkgeometrie samt Schräglagenfreiheit. Mit einer Anpassung der Federvorspannung erhöhst du das Heck wieder, während eine stärkere Dämpfung das Einfederungsverhalten hinten und vorne unterstützt. Voraussetzung ist allerdings, dass dein Federungssystem entsprechende Einstellmöglichkeiten bietet (nur die Vorspannung am Federbein geht immer). Konsultiere dein mitgeliefertes Fahrerhandbuch, wo du welche Einstellmöglichkeiten findest und wie du sie nutzt.

2.3 Ergonomie

Was reicht, eine gute Figur beim kurzen Sprint zum Bäcker oder dem nächsten Treffpunkt zu machen, muss nicht optimal sein, wenn es gilt, mehrere Stunden am Stück abzureißen. Zur Not verändere deshalb die Hebelstellungen für Handbremse, Kupplung, Schaltung und Fußbremse. Achte darauf, dass die Handhebel eine Linie mit der Verlängerung der Handflächen und den Unterarmen bilden, um die Sehnen zu entlasten und das Gefühl für Bremse und Kupplung nicht zu verfälschen.

Der Schalthebel sollte sich auf gleicher Höhe wie der Fußbremshebel befinden und sich ohne Anstrengung bis zum Anschlag durchschalten lassen. Auf beiden Seiten ruhen die Füße auf den Fußrasten, die Fußspitze links bekanntlich unter dem Schalthebel, die Fußspitze rechts über dem Fußbremshebel – aber ohne, dass die Sohle den Bremshebel berührt und somit Druck auf die Hinterradbremse ausübt.

2.4 Neue Klamotten

Wer sich für die Tour mit neuer Reizwäsche einkleidet, sollte diese ein paar Tage vor der Abfahrt Probe tragen. Bist du erst unterwegs, wird es schwierig, störende Kleidung auszutauschen, bspw. weil Kragen oder Nähte die Haut aufscheuern, Handschuhe das Gas- und Bremsgefühl rauben, zu enge Helme einseitig aufs Ohr drücken oder cooles, aber unbequemes Schuhwerk die Füße quetscht.

Immerhin: Wer taube Ohren hat, weil der Helm zu eng ist, braucht keine Ohrstöpsel, die bei stundenlangen Fahrten mit bis zu 100 Dezibel Lärmbelästigung durch Verkehr und Luftturbulenzen sonst schon mal notwendig werden können.

2.5 Gepäck

Verzichte auf einen Rucksack. Bei zig hundert Kilometer ist er ein sicherer Garant für Verspannungen, selbst wenn das Teil lang genug ist, dass es hinten auf der Sitzbank aufliegt. Dann dauert es nur ein wenig länger. Was nicht in Koffer, Sattel- oder Hecktaschen passt, bleibt halt zuhause oder wird den weniger extrem denkenden Kollegen aufgenötigt. Außerdem können die Tragriemen von Rucksäcken bei Bewegungen verrutschen und Körperteile einklemmen.

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2.6 Fahrprobe

Im Ernst jetzt: Wer tiefenentspannt in den Urlaub abdüsen möchte, hat am Tag vor der Abreise bereits alles gepackt, am Bike verstaut und eine Probefahrt in voller Reisemontur gemacht. Achte dabei penibel auf Unterschiede im Lenkverhalten und justiere die Federung nach, falls notwendig. Checke ferner das Kurvenverhalten, die Fahrstabilität bei höheren Geschwindigkeiten sowie Reaktionen bei einer starken Bremsung (auf einer leeren Straßen natürlich). Letzteres sollte dir auch zeigen, ob das Gepäck anständig gesichert ist.

Tipps fürs Bordwerkzeug

Muss dein Bordwerkzeug ergänzt werden? Nutze die folgende Liste als Anregung:

  • Reifen: Pannenkit für Schlauchlosreifen. Für die Schlauchkollegen: Ersatzschlauch, Montiereisen, Schlauchflicken. Für beide: Gaskartusche. Ist spezielles Werkzeug erforderlich, bspw. ungewöhnliche Nussgrößen für Vorder- bzw. Hinterradachse? Übrigens: Beim Reifenwechsel erst die Achse lösen, dann aufbocken und dann das jeweils andere Rad vor Wegrollen sichern (bspw. Bremse blockieren).
  • Batterie: Jumpstarter (Starterpack/Powerbank).
  • Glückskiste: Kleines Päckchen mit gebräuchlichen Schrauben, Muttern, Scheiben, Bolzen sowie Benzinfilter, Schläuche und Sicherungen, Kabelbinder und ein Multitool (mit Spitzzange, Feile etc.).
  • Für Abenteurer: Kaltmetall zum Verschließen von Rissen/Löcher im Motor. Können ebenfalls gut kommen: Gaffa (Panzerband), Draht und Zurrgurte für Provisorien, die unterwegs fällig werden, bspw. durchvibrierte Halterungen von Verkleidungen, Auspüffen etc.
  • Sonstiges: Erste-Hilfe-Set, Handy mit Rufnummern für Ersatzteile und Werkstätten entlang der Wegstrecke, ADAC-Karte (oder eine der Konkurrenten).

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